Meine berufliche Geschichte
Schon im Jugendalter wusste ich, dass mein Weg kein geradliniger sein würde. Nach einer Fernsehdokumentation über Entwicklungszusammenarbeit in Afrika
war für mich klar: Ich will dorthin, wo Veränderung gebraucht wird. Bildung war für mich dabei immer der Schlüssel zu Chancen – deshalb studierte ich
in Graz an der Karl-Franzens-Universität Bildungswissenschaften.
Was mir damals fehlte, war kein Idealismus – sondern ein Plan. Internationale NGOs winkten nach dem Studium ab: zu wenig Erfahrung. Also begann meine
„internationale Karriere“ 2007 zunächst 75 Kilometer von Graz entfernt, im Büro für internationale Beziehungen der Universität Maribor. Rückblickend
war das kein Umweg, sondern die erste bewusste Etappe.
Dort begegnete ich Rolando, einem Peruaner, der beiläufig von seiner Idee erzählte: Mit gesammelten Eigenmitteln wollte er in einem abgelegenen Dorf
hoch in den peruanischen Anden Englischunterricht ermöglichen – auf über 3.000 Metern Seehöhe, fernab von Komfort, aber getragen von einer klaren
Vision: jungen Menschen Perspektiven zu eröffnen, damit sie ihre Heimat nicht verlassen müssen. Diese Idee traf auf ein inneres Feuer, das in mir
längst brannte. Ich nahm mir eine Nacht zum Nachdenken, schon am nächsten Tag buchte ich meinen Flug und reiste im März 2008 nach Peru.
Was als mutige Idee begann, wurde rasch Realität. Der Initiator zog sich zurück – das Geld war weg, die Verantwortung blieb. Ich blieb ebenfalls.
Und traf eine Entscheidung, die mein berufliches Leben prägen sollte: Ich gründete eine Organisation, um die Vision weiterzutragen. Daraus entstand
AufwindPeru – heute eine seit fast zwei Jahrzehnten bestehende Organisation, die Bildung, Empowerment und internationale Kooperation zwischen Österreich und Peru verbindet.
Ich habe unter Bedingungen gelebt, die mir eindrücklich vor Augen geführt haben, was es bedeutet, sich in fremden Kontexten zurechtzufinden – auf 3.500
Metern Seehöhe, in einfachen Unterkünften wie Lehmhütten, konfrontiert mit neuen klimatischen, sprachlichen und kulturellen Realitäten. Ich weiß, wie
es sich anfühlt, selbst außerhalb vertrauter Systeme zu stehen, Unsicherheit auszuhalten und Orientierung Schritt für Schritt neu zu entwickeln.
Ich habe Verantwortung übernommen – für Projekte, für Menschen, für knappe Ressourcen. Ich kenne die Realität von Mittelakquise ebenso wie das
Vertrauen von Fördergeber:innen, die bereit sind, Verantwortung zu teilen und Wirkung zu ermöglichen. Und ja: Ich habe meine Wäsche und mich ein Jahr
lang im eiskalten Gletscherwasser gewaschen, eine Erfahrung, die mir bis heute vor Augen führt, dass nachhaltiger Fortschritt nicht dort entsteht, wo
es bequem ist, sondern dort, wo Menschen bereit sind, Verantwortung unter realen Bedingungen zu übernehmen.
Diese Erfahrungen haben meine Arbeit als Unternehmensberaterin maßgeblich geprägt. Denn auch Organisationen bewegen sich heute in hochkomplexen
Spannungsfeldern: Transformation unter Unsicherheit, Führung ohne einfache Antworten, Zusammenarbeit über kulturelle, fachliche und organisationale
Grenzen hinweg. Klassisches Projektmanagement ist dabei ein wichtiges Instrument, aber kein Allheilmittel. Wirksame Entwicklungs- und
Veränderungsprozesse erfordern darüber hinaus Reflexionsfähigkeit, Anpassungsfähigkeit, Demut und die Kompetenz, wirklich zuzuhören.
Aus diesem Spannungsfeld heraus entstand meine Dissertation „Reziprokes Empowerment: Gegenseitige Bildungsprozesse im Spannungsfeld von Vereinnahmung
und Befreiung“. Reziprokes Empowerment ist für mich keine Methode, sondern eine Haltung: Lernen auf Augenhöhe, Verantwortung teilen, Wirkung gemeinsam
erzeugen. Diese Haltung bringe ich heute in Unternehmen, Bildungseinrichtungen und Organisationen ein – überall dort, wo nachhaltige Transformation
gefragt ist.
Parallel dazu entdeckte ich meine Leidenschaft für Lehre und Wissensvermittlung. Bereits in Peru suchte ich mir eine Stelle an einer nahegelegenen
Universität und unterrichtete im Masterlehrgang Englisch-Studierende. Unterrichten begleitet mich seither kontinuierlich – seit fast zwei Jahrzehnten.
Heute lehre ich an der Pädagogischen Hochschule Steiermark, der FH JOANNEUM und der Hochschule Burgenland zu Didaktik, Ethik, transkultureller
Kommunikation und Wissenstransfer. Mich interessiert eine zentrale Frage: Was braucht der Mensch – und das menschliche Gehirn – um nachhaltig zu lernen,
sich zu entwickeln und Verantwortung zu übernehmen?
In Österreich fand ich seit Ende 2009 in der Kinder- und Jugendhilfe mein „Entwicklungsfeld im eigenen Land“. Besonders geprägt haben mich junge
Menschen, die als „Systemsprenger:innen“ gelten – jene, für die es scheinbar keinen Platz gibt. Von ihnen habe ich am meisten gelernt: über Resilienz,
über Führung ohne Macht, über Umwege, die tatsächlich die Ortskenntnis erhöhen. Aus dieser Praxis heraus entwickelte sich meine Expertise in
Gewaltprävention und Kinderschutz: Konzepte entwickeln, erproben, verwerfen, verbessern – und wirksam implementieren.
Heute arbeite ich mit Führungskräften, Lehrlingsausbilder:innen, Unternehmen und Bildungseinrichtungen. Ich trainiere Führungskräfte darin,
Gewaltfreiheit als Haltung, Kultur und konkrete Führungskompetenz zu verstehen und im organisationalen Alltag wirksam weiterzugeben. So unterstütze ich
Organisationen dabei, Kulturen zu entwickeln, in denen Sicherheit, Vertrauen und Verantwortung keine Schlagworte sind, sondern gelebte Praxis.
Unternehmen schätzen an mir die Verbindung aus strategischer Klarheit, wissenschaftlicher Tiefe und echter Felderfahrung – und die Fähigkeit, auch in
komplexen Situationen handlungsfähig zu bleiben.
Und weil Führung immer auch persönlich ist, habe ich ein weiteres Herzensprojekt initiiert: die BonusMama-Gruppe. Als Patchwork-Mama weiß ich, wie
anspruchsvoll neue Rollen, Loyalitäten und Beziehungen sind. Ich arbeite daran, das alte Narrativ der „bösen Stiefmutter“ endgültig abzulösen – durch
Kompetenz, Haltung und gegenseitige Stärkung.
Meine Überzeugung:
Nachhaltige Veränderung braucht nicht nur Vision und Intuition, sondern Analyse, Struktur und Mut zur Verantwortung. Genau dort setze ich an – als
Beraterin, Wissenschaftlerin und Praktikerin.